1. Yokomo

Eine Gruppe von vier Reitern durchbrach die Stille des winterlichen Waldes. Trotz der dicken Schneedecke, die eigentlich den Aufprall der Hufe dämpfen sollte, ertönte ein Getöse durch den Wald und schreckte die Tiere auf. Die Männer waren dunkel gekleidet, Felle bedeckten ihre Schultern, nach ihrem Aussehen nach zu Urteilen, waren es Hunnen, alle trugen sie ihre Schwerter erhoben um etwaige Äste aus ihrem Weg schneiden zu können. Plötzlich hielten sie an einer Lichtung und der Wald verfiel in erneuter Stille, einer der Männer stieg ab und blickte sich leise um. Sein Kopf war mit einem Helm bedeckt und ein dicker Schal aus Fellen war um seinen Hals und um sein Kinn gewickelt sodass man nur seine Augen sah. Als einer der anderen etwas sagen wollte erhob der Mann seine Linke Hand und unterbrach ihn, sein Blick folgte erneut dem Boden, etwas schien ihm aufgefallen zu sein. Sachte hockte er sich auf den Boden, der Schnee knirschte unter seinen Stiefeln, er begann die schneebedeckte Erde zu betasten. Da entdeckte er eine Spur, beinahe wie in den Schnee gemalt spiegelte sich vor ihm die Bewegung der Bestie, wie ein Film lief es vor seinen Augen ab, jede Spur verwandelte sich in einen Schritt. „Wohin sind sie?“ fragte der Mann auf dem Pferd den er zuvor unterbrochen hatte. „Südsüdost.“ War die knappe Antwort und er schwang sich wieder auf den Rücken seines Pferdes. Erst nachdem er einen Moment inne gehalten hatte fuhr er fort. „Allerdings haben sie einen recht großen Vorsprung.“ Die drei anderen nickten und mit einem Schrei des Anführers setzte sich ihr Weg fort und mit einem Brausen durchbrachen sie erneut die Stille des Waldes. Doch wovon hatten die Männer geredet? Allmählich legte sich der aufgewirbelte Schnee und sank erneut auf den Erdboden der Lichtung hernieder. Nachdem sie gewittert hatten, dass die Luft rein war krochen sie langsam aus ihrem Versteck. Pfote sachte vor Pfote setzend betraten sie die Lichtung ehrfürchtig so als wäre es ein heiliger Ort. Das Rudel war klein und zählte nur mehr fünf Wölfe, der älteste stand als erster auf der Lichtung und begann die Spuren der Pferde zu untersuchen. Was jagten diese Wesen? Fragte sich der Alte und folgte seiner Nase, die Spuren im Schnee konnten ihm noch weit mehr erzählen als dem Jäger zuvor, vor seinen Augen baute sich der Stall auf in dem die Pferde zuvor gestanden hatten, dann sah er da auch noch die Fälle hängen die die Jäger trugen, so als wäre er da gewesen. Und er ging weiter, bis ihm etwas seltsames in die Nase stieg, das war die Spur die der Mann mit seiner Hand berührt hatte. Der Alte kannte diese Spuren, zu oft hatte er sie schon gesehen und immer gut geheißen, doch nie war er ihrem Verursacher in seinem langen Leben jemals begegnet und doch, es war sein größter Wunsch noch vor seinem Tod eines dieser Wesen zu sehen und sei es nur für einen kurzen Augenblick. Seine Ohren nahmen das nervöse Wimmern seiner Artgenossen war die angstvoll und erstarrt am Rande der Lichtung standen. Langsam wandte er sich zu ihnen um und verließ die Lichtung, doch bevor er seine letzte Pfote wieder in das dichte Unterholz setzte drehte er sich ein letztes mal um und betrachtete die Stelle für einen Moment. Die Jäger waren indessen weit fort und hatten den Rand des Waldes erreicht, wo sich die Spur im Nichts verlor. Von der Ferne aus beobachtete Alpha die Männer, die wie dunkle Silhouetten im Schnee erschienen. Beinahe hätte er sich selbst und seine Begleiterin verraten, da blickte er zurück, wo sie schlief, eingerollt und bedeckt mir ihren Schwingen lag sie da und ruhte ohne einen Laut von sich zu geben. Als er wieder in Richtung der Männer blickte, waren diese weg, verschwunden und Angst machte sich in ihm breit, wo waren die Jäger? Nervös fuhr er mit seinen Krallen durch den Schnee und versuchte die Witterung der Männer erneut aufzunehmen, doch da war nichts. Da erwachte Omega, seine geliebte Begleiterin aus dem leichten Schlummer und blickte ihn an. Sie lächelte und erhob sich langsam aus ihrer Schneekuhle. „Warum hast du Angst vor diesen Wesen?“ fragte sie ihren Begleiter. „Weil sie uns Böses wollten, sie wollen uns vernichten uns alle!“ „Wie kannst du dir da so sicher sein.“ „Siehst du nicht ihre Waffen? Hörst du nicht was sie über uns sagen?“ und Omega hielt inne und starrte auf den Schnee zu ihren Krallen. „Du hast wahrscheinlich Recht, los lass uns hier fort gehen.“ Alpha nickte und beide verschwanden im Wald. Schon seit dem vorherigen Frühling waren sie beide alleine und durchkämmten die Wälder im Norden auf der Suche nach anderen Wesen, doch bis jetzt waren sie nur auf Waldbewohner, Jäger und Tiere gestoßen. Alpha fragte sich ob die Menschen es geschafft hatten sie zu fangen, oder ob ihr Geheimnis noch immer gewahrt war. Ihre Existenz, ja die ganze Existenz aller Wesen verfolgte seit geraumer Zeit jenes eine Ziel, ihre Existenz Geheim zu halten und das um jeden Preis. Wäre es den Menschen gelungen auch nur eines der Wesen zu fangen oder zu töten wäre dieser eine Grundsatz für immer zerstört. Bedacht gingen sie weiter und stapften lautlos durch den Schnee, langsam wurde es dunkel und dem weißen Wolkenschleier folgte ein schwarzblauer Sternenhimmel. Die Nacht war klar und klirrend kalt, diese Wälder im Norden waren ihnen fremd noch nie hatten sie sich so weit gewagt und vor allem noch nie so nahe an menschliche Siedlungen heran. Alpha konnte sich nicht beruhigen, er wusste, dass diese Jäger noch irgendwo waren, sie konnten nicht einfach verschwinden dazu waren sie nicht fähig, oder doch? Doch ihr Versteck war sicher und so regte sich Stunden um Stunden nichts, da konnte sich auch Alpha nicht mehr länger wach halten und schlief schließlich ein. Plötzlich vernahm er ein seltsames Geräusch, zuerst glaubte er es wäre der Teil eines Traumes, doch da öffnete er die Augen und fand sich wieder in diesem dunklen stillen Winterwald, doch etwas fehlte. Nervös blickte er um sich, Omega war nirgends zu sehen. Er stand auf und schüttelte den Schnee aus seinem Fell und von den Schwingen, da erblickte er ihre Spuren im Schnee und folgte ihnen. Zuerst langsamen Schrittes doch dann immer schneller bis er schließlich mit gestreckten Sprüngen durch den Wald lief, am Liebsten hätte er laut ihren Namen gerufen so in Sorge war er, doch er wagte es nicht. Plötzlich bremste er ab, da saß sie, vor ihm auf einen kleinen baumfreien Hügel mitten im Wald, sie sah auf etwas im Schnee und ihr Gesicht schein förmlich zu leuchten, ihr schwarzes seidiges Fell reflektierte ein seltsames bläuliches Licht welches aus dem Schnee zu kommen schien. „Omega?“ sagte er leise, ohne sich umzudrehen winkte sie ihn zu sich her und er tat wie ihm geheißen und stellte sich neben sie. Es war wunderschön anzusehen und das Licht bannte sofort seinen Blick. Es war ein kleines Amulett das im Schnee vor ihnen lag und wunderschön leuchtete. Darauf waren mehrere Fabelwesen abgebildet, die ineinander verschlungen ein wunderschönes Muster ergaben. „Was mag das sein Alpha? Es ist wunderschön“ „Sieht aus wie Menschenwerk. Wir sollten lieber fort von hier, dass ist sehr auffällig, dieses Licht wird die Menschen anziehen.“ Doch irgendwie konnte er nicht fort, auch seine Begleiterin konnte nicht, beide sahen sie das leuchtete Amulett an und es wurde ihnen seltsam warm ums Herz so als wären sie endlich nicht mehr alleine. „Es ist viel zu schön um Menschenwerk zu sein, vielleicht ist es eine Nachricht von einem anderen Wesen?“ sagte Omega schließlich. „Ich möchte es berühren.“ Und sie erhob ihre rechte Pfote. Anders als Alpha besaß sie einen schlanken geschmeidigen Körper und vier weiche Pfoten, während Alpha stark und massig war und an den Vorderbeinen Krallen und an den Hinterbeinen Pfoten besaß. „Nein lass das lieber Ome…“ Plötzlich hörte er etwas und blickte sich erschrocken um. „Was ist das!?“ In weiter Ferne hörte man ein Krachen und Ächtzen. „Das sind die Jäger, wir müssen hier sofort weg, sonst finden sie uns Omega!“ Und Alpha wollte weglaufen doch Omega rührte sich nicht, da zerrte er an ihrem Fell, doch sie ließ sich nicht von der Stelle bewegen. „Wir können es nicht diesen Menschen überlassen Alpha! Wir müssen es mitnehmen! Bitte!“ Alpha wusste, dass Omega sich nach anderen wie sich sehnte und das dies die vielleicht erste und letzte Nachricht von irgendwelchen anderen Wesen sein konnte. „Ich werde es nehmen!“ sagte Alpha und ging sachte darauf zu, einige Zentimeter trennten ihn von dem leuchtenden Ding, da streckte er seine Krallen aus. Dann fasste er es, eigentlich wollte er es nur mit zwei seiner Krallenfinger halten, doch irgendetwas zwang ihn dazu es mit der ganzen Hand zu umgreifen und er ballte die Faust, die sogleich zu glühen begann. Ein Schmerz durchfuhr ihn und er versuchte einen Schrei zu unterdrücken doch er konnte nicht.
Etwas entfernt vernahm einer der Männer den Schrei, die anderen waren nicht zu sehen, sie waren in dem Lager zurückgeblieben und hatten sich entschlossen erst am Tag wieder weiter zu suchen, nur der eine Mann der auch schon die Spur erkannt hatte, war jener der auch die Geräusche die Alpha vernommen hatte erzeugt hatte. Er drehte sich sofort gezielt in Richtung des Schreies um und ritt los, mit jedem weiteren Galoppsprung seines Pferdes zog er das Tempo weiter an.
Alpha indessen war nicht mehr er selbst, etwas hatte von ihm Besitz ergriffen, und er wand sich und schrie um Hilfe doch er brachte kein Wort hervor. Omega saß geschockt vor ihm, Alpha selbst knurrte und riss seinen Kopf hin und her so als würde er wie ein Wolf eine erlegte Beute zu Tode schütteln. „Was ist los Alpha? Alpha hörst du mich?“ Da schien die Kreatur erst zu merken, dass sie nicht alleine war und fixierte Omega mit ihrem Blick, dieses Wesen sah zwar aus wie Alpha doch er war es nicht, seine Augen waren schwarz und schienen vollkommen erfüllt mit Hass und er schlug in ihre Richtung, seine Krallen griffen nach ihr und sie wich aus, ein, zweimal, immer wieder den Namen ihres
Begleiters rufend, doch Alpha konnte nichts tun. Er sah alles mit an und konnte sich nicht kontrollieren, er schrie so laut er konnte doch nichts war zu hören, er wollte dass sie floh doch er konnte es ihr nicht sagen. „Alpha? Alpha hörst du mich?“ rief Omega immer wieder. Dann fuhr die Bestie mit seinen breiten Krallen durch die Luft und Omega konnte nicht mehr ausweichen da ihr ein verschneiter Fels im Weg stand, so traf sie der Schlag mit voller Wucht. Die scharfen langen Krallen schlitzen ihr die gesamte Kehle auf und sie sank röchelnd zu Boden. Alpha schrie immer wieder und wollte das ganze aufhalten doch er konnte nichts tun, doch ihm war bewusst dass das noch immer er war, er war es der das alles tat. Immer und immer wieder schlug er auf Omega ein, immer mehr rissen die Krallen ihren zierlichen Körper in Fetzen, und mit jedem Mal schien Alpha einen tieferen Schmerz zu empfinden doch er war nach wie vor gelähmt.

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